MIT LP-DEBÜT AM FENSTER BESCHRITTEN CITY NEUE WEGE

MIT LP-DEBÜT AM FENSTER BESCHRITTEN CITY NEUE WEGE

Das City-Debüt mit dem Abstand von rund 45 Jahren zu betrachten, ist recht einfach, da es sich zu den wichtigsten Platten der DDR-Rock-Musik mauserte. Sich zu erinnern, wie es damals war, als sie erschien, ist schon schwieriger. Manchmal schleicht sich eine Erfahrung aus der Zwischenzeit ein und gibt sich als ursprünglich aus.
Als ich die LP damals gekauft hatte, verlor ich keine Zeit, nach Hause zu kommen, um sie aufzulegen. Ich glaube, ich hörte sie das erste Mal mit einem Freund. Die Erwartungshaltung war riesig, denn City galten für mich und meine Kumpels als die authentischste DDR-Band. Neben "Am Fenster" kannten wir bereits "Meister aller Klassen" und "Der King vom Prenzlauer Berg". Das waren Songs, mit einer völlig anderen Sprache, als wir sie bisher von Bands aus unserem Land gewohnt waren. So wie Toni Krahl redeten wir. Und das, was er erzählte, passierte wirklich. Okay, vielleicht geschah es eher nicht so häufig, dass ein Schläger wie Nobi in der Clique zusammengestaucht wurde. Aber die beiden besten Freunde, die mit ihren Motorrädern durch die "City" knatterten, liefen einem geradezu täglich über den Weg. Mit 15 war bei den meisten Jungs nur noch das "Moped" Thema. Und Mädels. Naja, und davon hatte Toni Krahl auch einiges zu singen. Da gab es also "Traudl", die heiße Abiturientin, an der sich die Typen die Zähne ausbissen. Oder das Mädchen, das sich "Nachts um halb eins" auf dem Nachhauseweg schon darüber ärgerte, sich dem Typen, der sie knutschen wollte, verweigert zu haben. Echt jetzt? Hätten wir nicht für möglich gehalten, dass die Mädchen sich darüber Gedanken machten. Wir dachten: Verdammt, die hat dich bestimmt abblitzen lassen, weil du ihr zu doof warst. "Es ist unheimlich heiß" war ein starker Opener, da er richtig schepperte. Die Gitarre hatte einen Sound, der einem die Ohren lang zog. Vielleicht war es eine Idee von "Musik- und Tonregisseur" Helmar Federowski gewesen. Vielleicht hatte es aber auch Fritz Puppel so gewollt. Jedenfalls: saustark. "Am Fenster" gab es auf der B-Seite mit Zuschlag. Aus sieben Minuten waren fast 20 geworden. An dieser Version faszinierte mich vor allem das Mini-Hörspiel, weil ich nicht in jedem Fall sofort jedes Geräusch kapierte. Und die ellenlangen Instrumentalpassagen waren Hammer. Über den Text habe ich mir zu jener Zeit keine Gedanken gemacht. Die Worte waren schön gesetzt, alles andere - egal.
Das Cover hatte mindestens zwei Merkwürdigkeiten, die mir ungelogen damals schon auffielen und über die wir in der Clique diskutierten: Die Platte hieß AM FENSTER, war aber eigentlich gar nicht so deklariert. Es gab zwar die Banderole "Mit dem Hit des Jahres ,Am Fenster'", die wirkte aber wie eine Werbung, wenn eine Platte über ihren Hit an den Mann gebracht werden sollte. So war es auf Westplatten Gang und Gäbe. Das erfuhren wir aber erst später, denn ich hatte bis 1978 noch nicht eine Westplatte gesehen. Und dann das City-Schild in der Mitte. Das sah voll blöd aus. Wie der Endpunkt bei einem Gesellschaftsspiel. Wieso hatten sich die Amiga-Gestalter nicht die Mühe gemacht, ein echtes Verkehrsschild umzumalen? Das wäre richtig cool gekommen. Stattdessen diese unansehnliche Zielscheibe.
Die Platte habe ich unzählige Male gehört. Natürlich vor allem in der damaligen Zeit. Bei der A-Seite saß ich grundsätzlich vor dem Plattenspieler und starrte aufs Cover. Bei der B-Seite stand ich irgendwann auf und machte etwas nebenbei.
City waren für mich sofort in erster Linie die kraftstrotzenden Blues-und Hard-Rocker der A-Seite. Das schmälerte "Am Fenster" keineswegs. Aber müsste ich mich für eine Plattenseite entscheiden, würde ich ohne Zögern die erste auflegen.
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