ANGELIKA MANN: NICHT SO GEEIGNET FÜR DEM MAINSTREAM

ANGELIKA MANN: NICHT SO GEEIGNET FÜR DEM MAINSTREAM

Es war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Als Reinhard Lakomy den DDR-Grenzern zwei frisch in West-Berlin erworbene Gitarren aushändigen musste, die Sängerin Angelika Mann und ihr Gatte, Gitarrist Udo Weidemüller, schlappe 10.000 Ostmark gekostet hatten, war das Maß voll. Die populäre Künstlerin, die sich im Jazz und Soul ebenso stilsicher bewegte wie in der Pop- und Rockmusik, wollte nur noch weg. Natürlich hatte sich "die Lütte" – wie Mann bei Fans und Kollegen hieß – in der DDR ihren Traumberuf erfüllt. Sie hatte sogar Radiohits gehabt und war seit Ende der Sechziger ununterbrochen an der Seite großartiger Musiker gut beschäftigt gewesen. Aber sich wegen einer restriktiven Kulturpolitik ständig im Kreis zu drehen, von der Gnade einzelner in entsprechenden Positionen abhängig zu sein und durch willkürliche Entscheidungen womöglich noch an der Arbeit gehindert zu werden – das war zu viel. 1985 war Sense. Angelika Mann ging rüber nach West-Berlin und hinterließ – wie so viele vor ihr – eine Lücke in der ostdeutschen Kulturlandschaft.

Es war bestimmt auch der finanzielle Aspekt, der die Sängerin damals wütend machte. Immerhin hatten sie und ihr Mann sich das Geld leihen müssen – zurückzuzahlen mit 2000 Mark Aufschlag. Aber das war kalkuliert. Denn Udo Weidemüller brauchte eine Ovation-Gitarre. Die hatte einen besonderen Klang, und den wollte Lakomy für das Lied "Die Maus Alexander" auf seiner damals aktuellen Geschichtenlieder-LP MIMMELITT, DAS STADTKANINCHEN haben. Daran wirkte auch Angelika Mann mit, und für die Kunst tat man einiges. Doch jetzt wollte die Staatsmacht auch noch weitere 2600 Mark Zoll kassieren, was die Kosten für die Instrumente ins Unermessliche trieb. „Wir sollten aussehen wie die Wessis, wir sollten klingen wie die Wessis – und dann wurden uns auch noch die Instrumente weggenommen", sagt die Lütte, wenn sie sich an die Stimmungslage von einst erinnert. Seit den Sechzigern besorgten sich DDR-Musiker ihr Equipment aus der Bundesrepublik oder West-Berlin. Der Staat hatte dafür zwar klare Regeln, wandte diese aber selektiv an. Die einen kamen damit durch, die anderen mussten blechen. Oder landeten wegen Devisenvergehen mal gleich im Gefängnis.

1949 in Berlin geboren, wuchs Angelika Mann in einem musikalischen Haushalt auf. Schon früh hatte sie ein Faible für Caterina Valente, Conny Froboess und Elvis Presley. Als ihre Mutter nach der Scheidung der Eltern als Krankenschwester im Schichtdienst in West-Berlin arbeitete, kam Angelika Mann in ein katholisches Kinderheim. Als die Mauer hochgezogen wurde, war Angelika Mann zwölf. Sie beendete die Schule, lernte auf Drängen der Eltern Apothekerin und trug ihr selbst verdientes Geld in die Clubs und Konzertsäle von Berlin, wo sie unter anderem Gilbert Bécaud oder Udo Jürgens erlebte. Im Saalbau sah sie häufig die Gruppe Baptett zum Tanz spielen. Bei der sang Achim Mentzel. Und die hatten ein Klavier. Das konnte die Lütte, und so setzte sie sich nach den Veranstaltungen manchmal an die Tasten und spielte. Der Baptett-Saxofonist Konrad Körner gab ihr den Tipp, es an der Musikschule Friedrichshain zu versuchen.

In einer Band spielte sie da schon: der Peter-Hanisch-Combo. Angelika Mann war die Pianistin, nahm wegen ihrer musikalischen Fertigkeiten aber eine immer größere Rolle ein. 1969 verließ Hanisch die Band, und man benannte sich in Medoc um. „Da war ich längst Bandleaderin", erzählt Mann. „Musikalisch waren wir mit der Zeit immer breiter aufgestellt: Joe Cocker, Black Sabbath, Blood, Sweat & Tears, Chicago, Hollies, King Crimson, Rolling Stones, Vanilla Fudge, Christie, Ekseption, Procol Harum … Und wir waren richtig gut."

Dabei denkt sie unter anderem an Christian -Schmidt,- der in den Achtzigern als Sänger zur Modern Soul Band ging. Der sei praktisch ihre Entdeckung gewesen. Oder sie schwärmt von Gitarrist Olaf Wegener, der traumwandlerisch Jimi Hendrix spielen konnte.

Nach einem Auftritt im Mekka der DDR-Kulturszene, der Großen Melodie in Berlin, kam Klaus Lenz auf die Lütte zu und lud sie ein, mit auf Tournee zu gehen und Jazz/Soul-Sängerin Uschi Brüning im Background zu begleiten. „Mensch, Lenz", erinnert sich Mann. „Der war im Osten unser musikalisches Hollywood. Da kam ich von null auf hundert in die Crème de la Crème nationaler Musikerkreise. Das war für mich der Himmel. Wir haben alle großen Kulturhäuser in der DDR bespielt und waren immer ausverkauft." Nach der Tour ging sie zwar wieder zu Medoc zurück, empfand das dann aber eher wie eine kalte Dusche und stieg offiziell aus, als Reinhard Lakomy ihr anbot, für Nina Hagen – die hatte sich gerade musikalisch auf eigene Füße gestellt – in seinen Chor einzusteigen. Zu jener Zeit war Lakomy schon eine große Nummer. Zum einen hatte er diesen Chor am Start, der unzählige Amiga- und Rundfunkproduktionen mit einsang, zum anderen hatte er sich als Komponist und Arrangeur eine enorme Reputation erworben. Das fand sie reizvoll. Aber eigentlich wollte die Lütte doch solo singen … „Er versprach mir: Sobald ich eine Band gründe, bist du meine Sängerin."

Es dauerte gar nicht lange. Nachdem von Reinhard Lakomy 1972 die Songs "Es war doch nicht das erste Mal" und "Heute bin ich allein" im Radio liefen, wurde der Mann mit der Reibeisenstimme zum Star. Schon 1973 schlug die Geburtsstunde des Reinhard-Lakomy-Ensembles. Künftig sollte der Künstler überall nur noch Lacky heißen. Und an seiner Seite: die Lütte. „Wir waren ständig auf Achse, und irgendwann bestritt ich 50 Prozent der Konzerte solistisch", erzählt Angelika Mann. Nicht nur, weil sie einzigartige Versionen von Janis-Jop-lin-Klassikern intonieren und durch sämtliche Stile singen konnte – Angelika Mann hatte eigene Hits: "Na und", "Wenn ich mal" und "Ich wünsch mir ein Baby" kamen 1974 in die nationalen Hitparaden. „Vor allem das Baby-Lied verpasste mir das Image der niedlichen und lustigen, kleinen Sängerin an Lackys Seite", sagt Mann. „Das wurde mit unserem Fressduett 'Mir doch egal' noch verstärkt. Wir waren dafür das totale Antipaar: er klein und dünn und ich klein und dick." Die Nummer erschien 1975 als Single und wurde einer der Abräumer des Jahres. Im Radio lief der Song rauf und runter, und TV-Auftritte häuften sich. Auf der B-Seite gab es das hart rockende "Ein Irrer Typ" zu hören, das einmal mehr belegte, welche Kraft in Angelika Manns Stimme steckte. 1976 folgte die Sing-le- "Komm, weil ich Dich brauch"/ "Sieben Zwerge", 1977 "Das Champus-Lied"/"Behalt mich lieb" – aber da war bereits ein neues Kapitel eingeleitet.

„Lacky wollte nicht mehr auf Tour gehen", erzählt die Sängerin. „Ich konnte das nachvollziehen. Zwar hatten wir unterwegs immer eine Menge Spaß. In den Hotels wurden die Jungs aber wegen ihrer langen Haare getriezt, die Unterkünfte waren auch nicht immer optimal. Also trat ich künftig als Angelika Mann & Band auf." Das Ganze hielt zwei Jahre und zerbrach, als es darum ging, eine Platte aufzunehmen. „Die Musiker wollten eigene Sachen verwenden, und das ausschließlich", sagt Angelika Mann. „Ich wollte aber Lacky-Lieder. Also liefen wir auseinander."

Die Lütte war vom sozialistischen Kulturbetrieb lange Zeit unbeachtet geblieben. „Sie fanden mich nicht interessant genug, sie mochten mich nicht so", erzählt sie. „Ich war nicht so geeignet für den Mainstream. Im Lakomy-Pulk war ich nur die ,Kleine neben Lacky'. Da war es schwer, sich einen eigenen Namen zu machen." Dafür begannen ab 1976 Drangsalierungen, nachdem Angelika Mann den offenen Brief der Künstler gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann mit unterschrieben hatte. Sie sei von dem Zeitpunkt an buchstäblich gestalkt worden. Immer wieder habe man sie bedrängt, ihre Unterschrift zurückzuziehen – was sie nicht tat. „Damals sind so viele weggegangen, dass man das Gefühl bekam, keiner würde mehr bleiben", erinnert sich Mann. „Vor allem der Literaturbereich und die Schauspielerbranche erlebten einen enormen Aderlass." Einige dieser Leute seien geradezu hinausgeekelt worden.

Die Abhängigkeit von der Fürsprache eines Funktionärs bei der Frage, ob man Reisekader wurde oder nicht, entwickelte sich mit den Jahren zu einem weiteren Problem. Im Allgemeinen – vor allem auf dem internationalen Parkett – produzierten Rock- und Pop-Künstler eine LP, spielten ein paar Konzerte in der Heimat und stellten sich dann dem Publikum im Ausland. Das war in der DDR für die meisten nicht drin. „Bei uns war alles klein-klein", erläutert die Musikerin. „Da hat man sich schon gefreut, wenn man mal sechs Wochen an die Trasse in die Sowjetunion kam. Das war mal was anderes. Aber wie man auch immer eingeordnet war, wer Geld verdienen wollte, musste spielen. Denn Tantiemen für eingesungene Songs gab es nicht." Also habe man sich nach geraumer Zeit „totgespielt". Die Leute bekamen ihre heimischen Künstler an bestimmten Orten jedes Jahr zu sehen, und das womöglich noch mehrfach. „Und du konntest dich nicht ständig neu erfinden."

Mit der Gruppe Obelisk fand Angelika Mann ab 1979 ihre musikalische Mitte. Das Material war Jazz-lastig, und zu den Musikern gehörte ein aufstrebender Komponist, Saxofonist und Keyboarder: Andreas Bicking. „Für mich bis heute einer der bes-ten", sagt Angelika Mann. „1984 wurde er aber von Karat für eine West-Tournee abgeworben, weshalb alles zusammenbrach." Die Gruppe hatte ihr Reinhard Lakomy vermittelt, nachdem er sie bei der Werkstattwoche in Suhl, einem Treffen junger und etablierter Gruppen zum Erfahrungsaustausch, gesehen hatte. 1981 war auch die erste LP von Angelika Mann, WAS TREIBT MICH NUR, erschienen, auf der Songs von Lacky und Bicking Verwendung fanden.

Das Aus von Obelisk sei wie ein Todesstoß gewesen, sagt Mann. Dann kam die Sache mit den Gitarren an der Grenze. Verzweifelt habe sie die Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst, Gisela Steineckert, angerufen, mit der sie bis dahin immer ein gutes Verhältnis gehabt habe. Von der Autorin hatte sie Unterstützung erhofft. „Stattdessen hat sie mich nur runtergeputzt." In dem Moment habe sie gewusst, dass sie in der DDR keinen Fuß mehr in die Tür bekommen würde. 

Angelika Mann stellte einen Ausreiseantrag, ging 1985 nach West-Berlin und startete 1987 eine neue Karriere als Theaterschauspielerin und Musical-Darstellerin. Sie bekam eigene Sendungen im ORB, bespielte mit speziellen musikalischen Programmen Deutschlands Kleinkunstbühnen, war in Spielfilmen und TV-Serien zu sehen, hatte Engagements in Kabaretts, arbeitete mit der Gruppe Rumpelstil zusammen, veröffentlichte Alben mit Musik und Kinderprogrammen, bekam Rollen in Operetten, schrieb ihre Autobiografie und, und, und. Die Liste ist beliebig erweiterbar. „Es war genau richtig, dass ich damals gegangen bin", ist Manns Fazit. „Es wäre absurd gewesen zu glauben, ich könnte im Westen mit dem weitermachen, was ich in der DDR getan habe. Und so taten sich mir ganz neue Felder auf. Es hat seit 1987 praktisch nicht einen Tag gegeben, an dem ich nicht gearbeitet habe. Ich bereue nichts."

Jens-Uwe Berndt

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